Prävention

In der pädagogischen Arbeit gegen Rechtsextremismus unterscheiden wir zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention. Primäre Ansätze zielen darauf ab, Teilnehmende in demokratischen Orientierungen zu stärken. Die sekundäre Prävention dagegen richtet sich an diejenigen, die bereits in rechtsextremen Lebenswelten und der damit einhergehenden Ideologie orientiert sind. In beiden Bereichen kommen Ansätze, Formate und Methoden der politischen Bildung in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität zur Anwendung. Tertiäre Prävention ist gedacht für Personen, die bereits Teil rechter Szenen waren oder sind und entsprechende Positionen vertreten. Hier sind vor allem Ansätze aus Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit relevant, die bereits einen Interventionscharakter haben und mit denen eine gezielte Einstellungs- und Verhaltensreflexion, aber auch deren Änderung erreicht werden soll.

Wissen bündeln und weitergeben

Die Fachstelle Rechtsextremismuprävention arbeitet mit einem systemischen Präventionsverständnis. Wir sind überzeugt, dass die Prävention von Rechtsextremismus nur im Zusammenwirken verschiedener Akteur*innen und unterschiedlicher Ansätze gelingen kann. Zu dieser Zusammenarbeit möchten wir beitragen: Mit gut erprobten eigenen Konzepten, mit Fachvernetzungen und mit Fortbildungsangeboten bündeln wir Wissen und stellen es zielgerichtet zur Verfügung.

Infoportal Rechtsextremismusprävention

Sie suchen eine Beratungsstelle oder Fortbildungsmaßnahmen in Ihrer Region? Gemeinsam mit dem Kompetenznetzwerk Rechtsextremismusprävention haben wir ein Infoportal erarbeitet, das bundesweit auf Hilfsangebote für den geeigneten Umgang mit Rechtsextremismus verweist. Hierzu gehört ein breites Spektrum an Angeboten aus primärer, sekundärer und tertiärer Prävention, wie beispielsweise Empowerment-Workshops zur Stärkung von Personen, die sich gegen Rechtsextremismus wenden, ebenso wie Beratungsstellen für Betroffene von Rechtsextremismus. Über das Infoportal Rechtsextremismusprävention können Sie das vielfältige Angebot zur Rechtsextremismusprävention in Deutschland gezielt nach Bundesland, Thematik oder Format durchsuchen.

Post-Its auf einer Glaswand
Distanzierung

Radikalisierung findet nicht schlagartig statt. Die Hinwendung zu rechtsextremen Strukturen verläuft meist in einem Prozess, in dem persönliche Bedürfnisse, die Suche nach Sinn und Wirksamkeit, Neugier das eigene Umfeld sowie Gelegenheitsstrukturen – eine regionale rechtsextreme Szene oder das Vorhandensein rechtsextreme Jugendkulturen – eine Rolle spielen.

Wenn Heranwachsende beginnen, sich Rechtsextremismus zuzuwenden, wird das oft auch für die Außenwelt sichtbar: zum Beispiel anhand von abwertenden Äußerungen, dem Tragen von destruktiv-politischen Kleidermarken und Symbolen, dem Rückzug aus bestimmten Gruppen- und Freizeitkontexten oder an neuen Freund*innen aus rechtsextremen Cliquen. Außerdem spielen häufig rassistische, gender- und sexualitätsbezogene ebenso wie antisemitische Entwertungs- und Feindbildkonstruktionen eine besondere Rolle. Auf emotionaler Ebene zeigt sich oft auch eine Neigung zu Affekthandeln und Ausagieren von Hass und Gewalt, während auf kognitiver Ebene eine Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien besteht.

Den Einstieg verhindern

Für diese jungen Menschen, die in der Regel minderjährig und noch nicht straffällig geworden sind, gibt es jedoch wenig Angebote, die sie vor einem Einstieg in das rechtsextreme Spektrum bewahren. Dabei bestehen gerade in einem frühen Stadium der Hinwendung zu Rechtsextremismus und menschenverachtenden Einstellungen noch gute Chancen, um Jugendliche anzusprechen: Je früher mit einer*m Jugendlichen gearbeitet wird, desto eher kann eine Distanzierung von menschenfeindlichem Verhalten und (rechts)extremistischem Denken erreicht werden. Dabei ist es wichtig, den jeweiligen individuellen Hintergrund früh im Gespräch zu erschließen und dabei so weit wie möglich systemisch zu arbeiten.

Das Team der Fachstelle Rechtsextremismusprävention berät zu Interventionen und führt gemeinsam mit Ihnen Situationsanalysen durch, um bedarfsgerechte Maßnahmen der Intervention und Prävention zu entwickeln. Außerdem bieten wir Fortbildungen zum Umgang mit Rechtsextremismus für pädagogische Fachkräfte an.

(Bundes-)Fachstelle für Distanzierungsarbeit Thüringen

Die in Thüringen ausgeführte Arbeit der Fachstelle für Distanzierungsarbeit, die derzeit zur Bundesfachstelle weiterentwickelt wird, unterstützt Multiplikator*innen verschiedener Bereiche der Jugendarbeit im Umgang mit abwertenden, menschenfeindlichen und rechtsextremen Einstellungen bei jungen Menschen. Außerdem arbeitet sie in Kooperation mit den Jugendämtern direkt mit jungen rechtsextrem affinen oder rechtsextrem orientierten Menschen in Distanzierungstrainings an ihren Einstellungen und ihrem Verhalten. Ausführliche Informationen finden Sie auf der Homepage der Fachstelle Distanzierungsarbeit.

Infoportal Rechtsextremismusprävention

Sind Sie auf der Suche nach Distanzierungs- und Ausstiegshilfen für bereits radikalisierte Menschen? Das Infoportal Rechtsextremismusprävention bietet einen Überblick über Angebote für Distanzierung und Ausstieg, die Sie nach Hilfsangeboten in Ihrer Region durchsuchen können.

Gender & Rechtsextremismus

Gender ist sowohl für die ideologischen Ausprägung ebenso wie für die Disposition von (jungen) Menschen, die sich dem Rechtsextremismus zuwenden, ein entscheidender Faktor. Denn Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit machen einen wesentlichen Teil rechtsextremer Ideologien aus, ebenso wie zum Teil vormoderne Rollenvorstellungen. Außerdem zeigt sich, dass konfliktreiche Genderthematiken eine der Ursachen dafür sein können, dass junge Menschen sich extremistischen Szenen zuwenden.

Gender ist entscheidend

Zudem verwenden rechtsextreme Gruppen geschlechtsspezifische Ideologien und Strategien. Frauen* und Männern* bieten sie geschlechtsspezifische Formen der Beteiligung, ebenso wie geschlechtsspezifische Aufgabenverteilungen und Themenbesetzungen. Dass Mädchen* und Frauen* von ihrem Umfeld häufig nicht als politisch aktive Extremist*innen wahrgenommen werden, erleichtert dabei ihren strategischen Einsatz. Das führt dazu, dass rechtsextreme Frauen* und Mädchen* nach wie vor oft übersehen werden, wenn sie, mit bestimmten strategischen Funktionen im Gemeinwesen versehen, im Elternbeirat, der Sozialarbeit, in der Kita oder in kommunalen Ehrenämtern und im Vereinsleben Einfluss entfalten. Genauso werden die von rechtsextremen Organisationen gezielt in Anspruch genommenen Themen mit Genderbezug – zum Beispiel die Ablehnung des Gender-Mainstreaming oder die Kampagne „Todesstrafe für Kinderschänder“ – oft nicht als organisierte Strategien erkannt und enttarnt.

Prävention, Distanzierung und Deradikalisierung müssen deshalb genderreflektierend angelegt werden. Auch, weil junge Frauen* und Männer* an unterschiedlichen Orten für die Distanzierung ansprechbar sind und verschiedene Zugänge und Unterstützungsangebote benötigen.

WoMex – Genderaspekte in Rechtsextremismus und religiösem Fundamentalismus

Jugendkulturen & Rechtsextremismus

Als Jugendkultur werden die kulturellen Aktivitäten und Stile von Jugendlichen innerhalb einer gemeinsamen Kulturszene bezeichnet. In den letzten 50 Jahren sind verschiedene solcher Jugendkulturen entstanden und haben sich immer wieder verändert. Auch rechtsextreme Jugendszenen haben dabei ihre eigenen Jugendkulturen entwickelt. Sie stellen einen Übergangsbereich dar, der gleichermaßen von typisch jugendkulturellem Verhalten und politischen Aktivitäten gekennzeichnet ist. Doch diese Überlagerung von Jugendkultur und extrem rechter Politik (ob neonazistisch, neurechts oder anderer Form) kann bei Jugendlichen zur ideologischen Radikalisierung führen.

Niedrigschwelliger Zugang zur rechtsextremen Szene

Musik, Kleidungsstile und das Spielen mit ein- und zweideutigen oder teils von links angeeigneten Codes und Symboliken bieten einen niedrigschwelligen Zugang zu rechtsextremen Szenen. Das Tragen bestimmter Bekleidungsmarken, Zeichen und Codes ermöglicht dabei mindestens das Kokettieren mit teilweise verbotenen Gruppierungen, ebenso wie mit als gewalttätig geltenden Einstellungen und Verhaltensweisen. Oft wird damit aber auch die Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene offen zur Schau gestellt, ohne sich durch Worte positionieren zu müssen – der Dresscode ist zumindest für Eingeweihte Botschaft genug. Das benutzen Jugendliche, um sich abzugrenzen und oft auch, um sich selbst aufzuwerten oder vermeintlich Stärke und Coolness zu zeigen.

Rechtsextreme Erlebniswelten

Der Kleidungsstil und ästhetische Ausdruck rechtsextremer Jugendkulturen haben sich im Laufe der Zeit verändert, der Inhalt jedoch kaum: Er reicht von der Verherrlichung des Nationalsozialismus über germanisch-heidnische Bezüge bis zu neonazistischen oder (neu)rechts geprägten jugendkulturellen Codes und Symboliken. Seit den 2000er Jahren lässt sich zudem eine jugendkulturelle Öffnung im Rechtsextremismus beobachten: Heute ist nicht mehr allein der Rechtsrock die klassische Subkultur. Stattdessen sind neue Erlebnisangebote mit dazugehörigen Musik- und Kleidungsstilen hinzugekommen. Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen den jugendkulturellen Strömungen.

Jugendkulturen in der Rechtsextremismusprävention

Natürlich gibt es nicht allein rechtsextreme Jugendkulturen. Im Gegenteil, jugendkulturelle Zugänge können in der Prävention von Rechtsextremismus eine wichtige Rolle spielen, weil sie an der Lebenswelt der Jugendlichen orientiert sind und sie direkt ansprechen. Sie ermöglichen es Jugendlichen, selbst kreativ tätig zu werden, Selbstwirksamkeit zu erfahren und die eigenen Räume mitzugestalten. Auch in der politischen Bildung wichtige Themen wie Gerechtigkeit, Ausgrenzung, Diskriminierung oder Ungleichheit spielen in und für Jugendkulturen häufig eine zentrale Rolle. Deswegen sind wir überzeugt, dass Jugendkulturangebote, die bewusst und methodisch kompetent eingesetzt werden, zu einer Förderung von weltoffenen, menschenrechtsorientierten Haltungen und jugendgerechter demokratischer Teilhabe beitragen können. Mehr Informationen zu den Jugendkulturworkshops finden Sie unter Prävention und Distanzierung.

Hand malt auf Post-It
Frau schreibt auf Flipchart